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Reise ins Kriegsgebiet - aus Nächstenliebe

Mit großem Bedauern nahm unsere 2. Vorsitzende und gebürtige Ukrainerin, Olena Khurtych die traurige Wirklichkeit des Krieges in ihrem Heimatland zur Kenntnis. Es erwuchs in ihr der tiefe Herzenswunsch humanitäre Hilfe zu leisten.

In Anbetracht der beispiellosen Herausforderungen, mit denen das ukrainische Volk konfrontiert war, fasste sie den Entschluss selbst in ihr Heimatland zurückzukehren. Unter größtem persönlichen Einsatz ermöglichte sie einer Vielzahl von Müttern und ihren Kindern die Flucht aus dem Kriegsgebiet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Am 28. Februar 2022 also kurz nach Kriegsausbruch beschloss ich in die Ukraine zu reisen, um aus meiner Geburtsstadt Kanew Mütter und Kinder zu evakuieren. Ich nahm direkten Kontakt mit der Stadt Kanew auf, wo man begonnen hatte Listen von Müttern mit Kindern zu erstellen, die das Land verlassen wollten. Darunter waren auch Mütter mit Säuglingen und Kinder mit Behinderungen.

Ich packte meine Sachen in 20 Minuten und informierte meine Familie über meinen Entschluss. Das war nicht ganz einfach. Marouf, ein aktives Mitglied unseres Vereins, weiß aus eigener Erfahrung was Krieg bedeutet und er äußerte den Wunsch mich zu begleiten. Also stiegen wir ins Auto und fuhren von Viersen in Richtung Ukraine.

Zur gleichen Zeit wurde ein Transport mit Hilfsgütern für die Ukraine in Viersen vorbereitet. Ich fasste den Plan diesen LKW in die Stadt Kanew zu eskortieren und auf dem Rückweg von dort Mütter und Kinder mitzunehmen.  

Wir hielten ununterbrochen den Kontakt mit Kanew und informierten uns über die aktuellen Ereignisse. In der Ukraine herrschte völliges Chaos! Die Regale der Geschäfte waren leer und die Apotheken geschlossen. Davon spürte ich bei meinem Aufbruch aus Deutschland noch nichts. Alles war so ruhig und das Grauen des Krieges schien weit entfernt und fast unwirklich.

Je näher wir an die ukrainisch-polnische Grenze kamen, desto häufiger trafen wir auf ukrainische Busse und Autos mit der Aufschrift „Kinder“, die die ersten Schutzsuchenden nach Europa brachten. Es war sehr alarmierend. Alle Hotels waren überfüllt. Mein Telefon blieb keine Sekunde still, viele riefen mich aus der Ukraine an. Die Fragen waren immer die gleichen: Wo sollen wir hin? Woher bekommen wir einen rettenden Transport und könnt ihr uns helfen?

Viele Frauen, die ein eigenes Auto hatten, verließen Kanew mit ihren Kindern und machten sich selbst auf den Weg in die deutsche Partnerstadt Viersen. Ich hatte mir eine Liste gemacht, wer wann und wie viele Leute abreisen wollten. Diese Information übermittelte ich meinem Mann, der in Viersen geblieben war. Er hatte die Aufgabe Unterkünfte für die Geflüchteten zu organisieren. 

Zu diesem Zeitpunkt hatte der Bürgermeister der Stadt Kanew bereits drei Busse für die Mütter und ihre Kinder organisiert. Diese Busse konnten die Menschen jedoch nur bis zur ukrainischen Grenze bringen. 

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In Kanew war eine weitere bedrohliche Lage für behinderte Kinder entstanden. Natalya Kapustyan, Vorsitzende des Rollstuhlfahrervereins von Kanew bat mich lebensnotwendige Medikamente für diese Kinder zu besorgen, da alle Apotheken in der Ukraine geschlossen waren. Ich beschloss zunächst in Polen zu bleiben, um die benötigten Medikamente aufzutreiben. Diese Aufgabe war nicht leicht zu lösen, da auch in Polen eine Rezeptpflicht für bestimmte Medikamente besteht. Die meisten der polnischen Apotheker lehnten es ab, rezeptpflichtige Medikamente herauszugeben. Doch irgendwann gelang es mir einige der Apotheker zu überzeugen und deren Herz zu erweichen. Schließlich, nach einem ganzen Tag und etlichen Apotheken hatte ich die benötigten Medikamente zusammen. Der LKW mit den Hilfsgütern aus Viersen erreichte am Abend die polnische Grenze. Sofort lud ich die lebenswichtigen Medikamente in den Wagen. 

Noch am selben Tag fuhren drei Busse mit Müttern und Kindern aus Kanew in Richtung ukrainisch-polnische Grenze. Ich informierte meinen Mann hierüber, so dass er in Viersen Unterkünfte vorbereiten konnte. 

Derweil eskortierte ich den LKW in meinem eigenen Auto problemlos über die polnisch-ukrainische Grenze. Lediglich Marouf, mein syrischer Begleiter, durfte nicht in die Ukraine einreisen. Er blieb in einem polnischen Hotel und wartete auf uns. 

Da mittlerweile das Kriegsrecht in der Ukraine galt war es uns wegen der Sperrstunde (20.00 Uhr – 6.00 Uhr) nicht möglich weiterzufahren. Wir hielten an der nächsten Tankstelle an und versuchten ein wenig zu schlafen, was uns nicht gelang.

Der Fahrer des LKW’s informierte mich, dass sein Arbeitgeber, ein Transportunternehmen eines Oligarchen, ihm verboten hatte nach Kanew weiterzufahren. Alle Strassen nach Kanew würden mit russischen Raketen beschossen. Mir war sofort klar, dass dabei nicht das Leben des Fahrers, sondern der LKW geschützt werden sollte.

Es war mittlerweile Mitternacht, kalt und dunkel. Es half aber alles nichts, ich musste das Problem lösen. Einerseits hatte der LKW die wertvolle Fracht des Viersener Vereins geladen (Stromagregate, Feuerlöschausrüstungen und andere humanitäre Hilfsgüter) und andererseits meine Medikamente, die von lebensrettender Priorität waren. Ich wusste, dass ich einen Weg finden musste den LKW nach Kanew zu schicken. Nach langen, zähen Verhandlungen mit der Leitung des Transportunternehmens und mit dem nötigen Druck – ich erklärte ihnen was passieren würde, wenn eines der Kinder wegen fehlender Medikamente sterben würde –  erlaubten sie dem Fahrer letztlich doch seine Fahrt Richtung Kanew fortzusetzen. All das geschah nach Mitternacht.

Mittlerweile erhielt ich die Nachricht, dass die drei Busse mit Flüchtenden aus Kanew die 15 Kilometer lange Warteschlange vor der Grenze erreicht hatten. Mit dem ukrainischen Militär vereinbarte ich, dass ich mit meinem PKW weiter ins Landesinnere fahren durfte, um die Busse zu finden. Sie warteten bereits auf mich. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es war Februar, das Thermometer zeigte 15 Grad unter Null, es war extrem kalt. Auf dem Weg sah ich eine Menschenschlange am Straßenrand, die zu Fuß mit ihren Kindern, bepackt mit kleinen und großen Koffern in Richtung Grenze wanderten. Ich war schockiert, denn es waren immer noch 15 Kilometer bis zum Grenzübergang. Wir waren in einem Niemandsland. Es gab nichts außer Wald, Dunkelheit und Kälte.

Ich fand schnell die drei alten Busse aus meiner Heimatstadt. Als ich in den ersten Bus einstieg, es war mittlerweile 2 Uhr morgens, und in die Gesichter der Kinder blickte war ich bestürzt. Die Mütter weinten und sahen verwirrt aus, denn sie waren 800 Kilometer unter permanentem Explosionslärm bis zur polnischen Grenze gefahren. Ich beruhigte sie, so gut ich konnte. 

Im Bus fiel mir eine Frau auf, die nicht richtig sprechen konnte. Man sagte mir sie habe Diabetes. Als ich sie fragte, ob Sie noch einen Tag im Bus aushalten könne, zeigte sie auf ihren behinderten, vierjährigen Sohn und antwortete: ich werde es wohl ertragen. 

Ab und an schaltete der Busfahrer die Zündung ein, damit wenigsten ein klein wenig warme Luft vom Motor in den Bus geweht wurde. Es war trotzdem unerträglich kalt. Nach einer Stunde baten die Mütter mich etwas zu essen zu besorgen. Auch fehlte es an Trinkwasser, aber in dieser kilometerlangen Warteschlange mit rechts und links Wald und Felder da gab es keine Geschäfte. Außerdem war es mitten in der Nacht. Was sollte ich tun? Ich beschloss mit meinem PKW in das nächste Dorf zu fahren und dort um Hilfe zu bitten. Ich habe einfach nachts an den Haustüren geklopft, um herauszufinden wer uns helfen könnte. Irgendwann habe ich das Haus des Dorfvorstehers gefunden. Ich erklärte ihm ich hätte drei Busse voll mit Müttern und Kindern, die etwas zu essen brauchten. Ob er mir bitte helfen könne. Er erbat sich etwas Zeit und ich erklärte ihm wo unsere Busse standen und gab ihm meine Telefonnummer. Dann fuhr ich zurück und wir begannen zu warten.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Frau mit Diabetes bereits aufgehört zu sprechen. Sie wurde ganz blass und mir wurde klar, dass sie sofort Hilfe benötigte, am besten einen Krankenwagen. Als ich am Militärkontrollpunkt ankam, rief man dort direkt einen Krankenwagen, der endlich nach 30 Minuten eintraf. Die Frau wurde sofort verladen. Es wurde festgestellt, dass sie bereits im diabetischen Koma lag und man beschloss ihr direkt hier im Feld zu helfen. Die Frau war wie ihr vierjähriger Sohn behindert. Der kleine Junge mit Zerebralparese hing die ganze Zeit an seiner Mutter und ließ sie nicht eine Minute aus den Augen. Als die Mutter wieder bei Bewusstsein war, flehte sie mich an, sie nicht in der Ukraine zurückzulassen. Mein Herz war von Mitleid zerrissen. Sie wurde eine Stunde lang behandelt, aber die Ärzte meinten, dass man ihr vor Ort nicht weiterhelfen könne und sie in ein Krankenhaus gebracht werden müsse. Ich versprach ihr, dass ich sie mit dem nächsten Bus abholen würde, sobald es ihr besserginge.

Irgendwann um 4 Uhr morgens kam ein Auto aus dem nahegelegenen Dorf und brachte vier Pappkartons gefüllt mit Sandwiches und Trinkwasser. Erleichtert und dankbar verteilte ich Wasser und Essen an alle. Es begann schon hell zu werden und unser Bus bewegte sich in der gesamten Nacht nicht weiter als 50 Meter. Auf der rechten Seite kamen Freiwillige aus der Gegend und zündeten ein Feuer an. Sie kochten mit einer großen Eisenkanne Tee. Leute aus den anderen Bussen kamen, um sich aufzuwärmen. Das alles erinnerte mich an den Zweiten Weltkrieg, den meine Großmutter erlebt hatte. Noch vor zwei Monaten waren mein Mann und ich in Kanew. Da glaubte noch niemand, dass Russland so grausam sein könne und in die Ukraine einmarschieren würde. Die Menschen führten ein normales Leben, arbeiteten, ruhten sich aus, lebten in Frieden und plötzlich veränderte sich alles. Angst, Hoffnungslosigkeit und Tod lagen in der Luft. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich hatte Angst vor einer Bombardierung des Grenzgebiets, da sich zu dieser Zeit dort Millionen von Menschen aufhielten. Ich hielt ständigen Kontakt zu meinem Mann. Er berichtete mir, dass die erste Familie in Viersen angekommen war. Es war eine Mutter mit zwei Kindern, die er in unserem Landhaus unterbrachte. 

Ich stelle mir die Frage, was nach dem Überschreiten der Grenze passieren würde. Die Busse aus Kanew mussten zurückfahren. Wie sollten wir durch Polen reisen? Es gelang mir nicht Busse aus Deutschland zu organisieren, weil über das Wochenende dort niemand erreichbar war. Mir wurde klar, dass nach dem Passieren der ukrainisch-polnischen Grenze niemand auf uns warten würde. Was ich dann mit den Menschen machen würde, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Die Priorität bestand allerdings darin, die Ukraine so schnell wie möglich zu verlassen. Am Morgen entwickelten einige Kinder Fieber wegen Unterkühlung. 

Ich war auch überrascht, wie unsere Mädchen auf die Toilette gingen, obwohl rechts von der Straße keine Büsche oder Bäume waren. Normalerweise ist es Frauen peinlich, draußen auf die Toilette zu gehen, aber es gab keinen Ort, an dem sie sich hätten verstecken können. Also erleichterten sich alle ohne Scham im Freien. Dieses Ausblenden von Schamgefühl kann nur unter widrigen, extremen Umständen stattfinden, die wir in vollem Umfang durchmachten. 

Im Moment konnte mein Mann mir keine Hoffnung auf Transportmittel für die Durchreise durch Polen machen. So nahm ich erneut Kontakt zum Bürgermeister aus Kanew auf mit der Bitte um die Kontaktadressen seiner Partnerstädte in Polen. Eine Stunde später hatte ich bereits die Telefonnummer des ehemaligen polnischen Botschafters in der Ukraine. Ich kontaktierte ihn und bat ihn, einen Transport für uns zu finden, damit wir Polen verlassen konnten. Er versprach nichts, sagte aber, er würde sehen, was getan werden könne. So gab es etwas Hoffnung. 

Gegen 8 Uhr morgens standen wir immer noch in der Schlange. Wir waren in der ganzen Nacht kaum vorangekommen. Mir war klar, dass wir bei einem solchen Tempo noch mindestens drei oder vier Tage hier stehen würden. Ich fragte mich, wie ich so viele Menschen ernähren und was ich mit den kranken Kindern machen sollte.

Ich habe auch ein paar Autos mit der Aufschrift „Kinder“ auf der Windschutzscheibe gesehen, bei denen die Heckscheiben zerbrochen waren und die Seite der Autotür von Kugeln durchbohrt war. Das machte mir große Angst!

Es musste etwas getan werden! Unmittelbar hinter uns in der Warteschlange standen drei weitere große Busse mit Kindern und Müttern aus Kiew. Ich beriet mich mit den anderen Busfahrern was zu tun sei. Daraufhin blockierten wir die gesamte Straße, um mit unseren sechs Bussen durch einen grünen Korridor schnell an den Schlagbaum zu gelangen.

Kurz darauf fuhr das Militär vor und forderte mich auf, die Busse zu entfernen. Ich erklärte die Situation: kranke Kinder, keine Lebensmittelvorräte, kein Benzin. Ich weigerte mich der Aufforderung nachzukommen. Wir würden uns nur bewegen, wenn wir die Möglichkeit erhielten, die Zwischenspur zu benutzen, um auf dem schnellsten Weg an die Grenze zu gelangen.

Nach schier endlosen Verhandlungen versprach das Militär uns durchzulassen. Also fuhren alle sechs Busse entlang des grünen Korridors in Richtung Grenze. Irgendwo einen Kilometer vor dem Kontrollpunkt hielten die Busse an. Die Weiterfahrt war verboten, da die Fahrer keinen Führerschein vorzeigen konnten. Wir mussten ausladen und die Busse zurück nach Kanew fahren lassen. Draußen war ein schrecklicher, eisiger Wind. Die Fahrer halfen beim Ausladen des gesamten Gepäcks und erst dann sah ich, wie viele wir waren. Einige Mütter hatten zwei oder drei Koffer, dazu Kinderwagen und natürlich die Kinder. Ich verstand nicht, wie wir diesen letzten Kilometer bis zum Kontrollpunkt laufen sollten. Ich machte einen Appell an alle, damit sie die verbliebenen Kräfte mobilisierten und wir zogen los. Die Tränen flossen. Wir bewegten uns jetzt mit dem übrigen Tross von Frauen und Kindern. Ein endloser Strom von Menschen, die ihre Häuser verlassen hatten. Ehemänner, Väter, Brüder und Großväter blieben zurück ohne zu wissen, ob man sich jemals wiedersehen wird. Sie verließen ihre Heimat und gingen ins Unbekannte. Das alles geschieht im 21. Jahrhundert. 

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Nach zwei Stunden passierten alle die Kontrolle und wir waren endlich in Polen. Die Gesichter der Mütter wurden merklich entspannter. Auf die Frage, wo denn die Busse seien, sagte ich nur, dass wir darauf warten müssen und dass nun alles gut werde. Die Polen organisierten ein großes Zelt, in dem wir uns aufwärmten. Heiße Suppe essen, auf die Toilette gehen und die Kleinen umziehen, das stand jetzt an. Wir waren unendlich dankbar für die unerwartete Unterstützung und Hilfsbereitschaft der Polen. 

Dann klingelte mein Telefon und der ehemalige polnische Botschafter in der Ukraine offerierte mir zwei große Busse, die ihm das polnische Kriegsministerium zur Verfügung gestellt habe. Sie würden um 23 Uhr in Kralitsa sein, um uns abzuholen und bis nach Posen zu bringen. Das war alles, was er tun könne, meinte er. Ich habe mich sehr über diese Nachricht gefreut! Einziger Wermutstropfen:  Kralitsa ist 30 Autominuten vom Kontrollpunkt entfernt.

Jetzt ergab sich für mich eine neue Aufgabe: Wie sollte ich alle in diese Stadt transportieren? Während sich unsere Mütter mit ihren Kindern in den Zelten aufwärmten, begann ich nach polnischen Autos zu suchen, die sich bereit erklärten uns in diese Stadt zu fahren. Das Ganze dauerte ungefähr sechs Stunden. Als die letzten 15 Personen noch transportiert werden mussten, ging ich auf eine Polizeistreife zu und bat sie, die letzten Menschen mitzunehmen. Sie stimmten zu, und jetzt waren wir alle in Kralitsa und wärmten uns wieder in Zelten am Busbahnhof auf. Dort warteten wir auf unsere polnischen Busse. Den zweiten Tag beendete ich ohne Schlaf. Ich fühlte mich nicht müde, da noch ein langer Weg vor mir lag. Marouf, der in Polen wartete kam zu uns nach Kralitsa. Es wurde jetzt einfacher für mich, da er mir einige Probleme abnahm. Um Mitternacht kamen die Busse an, um uns abzuholen. Die Busse waren modern und mit einer Toilette ausgestattet und noch wichtiger, es war darin warm. Unsere Mütter und Kinder haben die ganze Zeit geschlafen. Als wir am Montagmorgen in Posen ankamen fanden wir eine Schule, deren Turnhalle vorübergehend in ein Lager für Geflüchtete umgewandelt war. Hier ruhten wir uns aus. 

Am Morgen rief mein Mann aus Deutschland an, um mir mitzuteilen, er habe ein polnisches Busunternehmen beauftragt uns gegen 10 Uhr abzuholen und nach Viersen zu bringen. Die letzte Last fiel von meinen Schultern. Gegen 2 Uhr nachts kamen wir in Viersen an. Nachdem man alle auf den Coronavirus untersucht hatte, bekamen sie eine warme Mahlzeit. Einige Mütter wurden auf hilfsbereite deutsche Familien verteilt, die meisten aber brachte mein Mann in der Residenz Irmgardis in Viersen Süchteln unter. Dabei handelt es sich um ein denkmalgeschütztes ehemaliges Mädchenstift, dass mein Mann kürzlich saniert und zu Wohnungen umgebaut hatte. Unsere Vereinsmitglieder bestückten die dortigen Wohnungen mit Möbeln, Bettwäsche und so weiter. Die Kühlschränke in den Küchen waren sogar mit Lebensmitteln gefüllt!

Als wir die ersten Wohnungen betraten, war das Glück grenzenlos. Die Mütter trauten ihren Augen nicht. Viele konnten ihre Emotionen nicht mehr kontrollieren und fingen vor Freude an zu weinen.

Ich war sehr stolz auf unsere Vereinsmitglieder und ganz besonders auf meinen Mann. Ich verstehe bis heute nicht, wie sie das alles in so kurzer Zeit bewältigen konnten.

Die Diabetikerin und ihr Sohn, die wir in der Ukraine zurücklassen mussten erreichte wenige Tage später zusammen mit ihrem Mann wohlbehalten den Viersener Bahnhof. Auch sie konnten wir vorläufig unterbringen. Nach zwei Monaten reisten sie weiter in die USA. Es hat sich ein Sponsor gefunden, der dort eine Operation des Jungen und die Reisekosten bezahlt hat.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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